PHILOSOPHIE

Die Wege zur Philosophie sind unendlich viele. Zu ihr gelangt man in der Tat  von jeder wissenschaftlichen Frage aus, wenn man sie nur genügend weit verfolgt.

Moritz Schlick

Empfohlen 

Von tatsächlichen und thematischen Inseln

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Eben noch sass ich am sonnigen Strand und betrachtete das blaue Meer und nun bin ich im Winter gelandet. Schon auf den paar Metern zwischen dem einen und dem anderen Universitätsgebäude friere ich trotz dickem Pulli - und die letzten zwei Tage bin ich oft zwischen Universitätsgebäuden hin- und hergerannt, denn es war sehr viel los. Das Semester schreitet schnell voran - um ehrlich zu sein, schaue ich lieber nicht nach, wie viele Wochen mir noch bleiben, um für meine Prüfungen zu lernen und Themen für all meine Seminararbeiten zu finden. Dazu kommt, dass ich in den letzten zwei Tagen einiges nacharbeiten musste. Denn trotz der sich auftürmenden Arbeit habe ich mir am Wochenende eine kleine Flucht aus dem Alltag gegönnt: Ich habe eine Freundin besucht, welche in Zypern ein Austauschsemester macht. Sie studiert ebenfalls Philosophie, aber anders als ich in meinem eigenen Austauschsemester in Berlin besucht sie in Zypern nicht wie Zuhause Vorlesungen und Seminare, da es keine philosophischen Lehrveranstaltungen auf Englisch gibt und sie kein Griechisch spricht. Stattdessen bekommt sie von ihren Dozenten Lektüre- und Essayaufgaben und alle zwei Wochen einen Termin zur Besprechung. Es war sehr schön, auf einer über 20 Grad warmen Insel mitten im Herbstsemester im Mittelmeer zu schwimmen und hellenistische Ruinen zu besuchen. Wenn nur einer der berühmten altgriechischen Philosophen durch die Zeit reisen könnte, um mir in einem Sokratischen Dialog eine Inspirationen für all die kommenden Seminararbeiten zu geben...

Eine der grössten Herausforderungen und zugleich mit Abstand das Aufregendste am Philosophiestudium war für mich immer schon die Suche nach Themen für die Arbeiten, mit denen viele der Kurse abgeschlossen werden. Meist ist die Arbeit dabei die einzige Note, die man erhält, und der aufwendigste Aspekt der Lehrveranstaltung, weswegen es sehr wichtig ist, ein Thema zu finden, über das man gut und gerne schreiben kann. Bei einem Proseminar läuft der Prozess meist so, dass mir im Verlaufe des Semesters in einem der Texte etwas auffällt, worüber ich gerne mehr wissen möchte. Oft nur ein Detail: Eine Fussnote, die meine Aufmerksamkeit weckt oder eine Unstimmigkeit in einem Argument. Dort kann ich dann ansetzten und weitere Texte zum Thema suchen. Die meisten Dozentinnen und Dozenten verlangen, dass man irgendwann - gegen Ende des Semesters oder danach - eine Fragestellung formuliert oder eine Disposition einrecht, das heisst, eine Zusammenfassung des geplanten Ablaufs der Arbeit. Wenn man Schwierigkeiten damit hat, die Fragestellung einzuschränken und Literatur oder Argumente zu finden, helfen die Dozenten einem weiter. Sie bieten auch Kritik, wenn die Disposition zu wirr oder breit wirkt, aber für ein Thema entscheiden muss man sich schlussendlich selbst. Das Thema muss innerhalb der Debatte relevant sein und man muss es auch einordnen können, aber es muss eng genug sein, dass man es in circa 15 Seiten befriedigend behandeln und exakt erklären kann. Man muss sozusagen eine Insel in der Debatte finden, welche klein genug ist, dass man sie in kurzer Zeit vollständig erforschen kann, aber gross genug, dass man darauf noch genug zu essen findet. Dies gilt im Philosophiestudium auch für die Bachelorarbeit.

In vielen Studiengängen, besonders in den empirischen Wissenschaften, hat man bei der Bachelorarbeit nicht ganz freie Wahl. In der Biologie zum Beispiel funktioniert es an meiner Universität so, dass die Studierenden sich zu einem vorgegebenen Zeitpunkt für eines der aktuellen Forschungsprojekte einschreiben und dann dort etwas zu tun haben. In der Philosophie sieht das anders aus. Ich möchte nächstes Semester mein Studium abschliessen, also habe ich im Sommer angefangen, mir Gedanken darüber zu machen. Als ich eine Idee hatte, meldete ich mich bei einem Dozenten, von dem ich weiss, dass das Thema ungefähr in seinem Bereich liegt. Natürlich hat man hier auch die Möglichkeit, die Themenwahl so zu gestalten, dass das Thema im Bereich eines Fakultätsmitglieds liegt, bei welchem man vielleicht besonders gute Erfahrungen mit Seminararbeiten hatte, aber melden muss man sich selber - es hat mir niemand gesagt: Wenn du im Sommer abschliessen möchtest, dann solltest du dich jetzt um deine Bachelorarbeit kümmern.

Die Erleichterung war gross, als der von mir kontaktierte Dozent mir sagte, dass er bereit wäre, meine Arbeit zu betreuen und ein Treffen vorschlug. Diese erste Besprechung war heute. Sie lief so ab, dass ich ihm eine noch sehr unscharfe, ungefähre Fragestellung darlegte, worauf er mir seine Einschätzung und einige Recherchetipps gab. Das weitere Vorgehen ist nun, dass ich eine genaue Disposition erarbeite und mich dann eigenständig wieder bei ihm melde - dafür gibt es keine Deadline, das Zeitmanagment ist meine Verantwortung. Wenn ich nicht planen würde, dann würde ich halt nicht bis im Sommer fertig und könnte mein Studium erst später abschliessen.

Die nächsten Monate werden also der Planung gewidmet sein - ich muss herausfinden, welche Literatur ich in meine Bachelorarbeit einbeziehe, wie ich die Arbeit strukturiere und mit welchen Argumenten ich meine Position stütze (und was meine Position genau ist...). Es ist ein bisschen einschüchternd, aber ich freue mich auch auf diese Phase: Ich muss nicht stundenlang vor dem Computer sitzen und auf der Tastatur herumhacken, das kommt später. Vorerst werde ich ganz viel zu dem Thema lesen, welches mich interessiert, darüber nachdenken, Argumente skizzieren. Und ab und zu ein bisschen von Inseln mit Sandstränden und Pinienwäldern träumen...

Denken wie ein Computer
Humans of Philosophy

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