PHILOSOPHIE

Die Wege zur Philosophie sind unendlich viele. Zu ihr gelangt man in der Tat  von jeder wissenschaftlichen Frage aus, wenn man sie nur genügend weit verfolgt.

Moritz Schlick

Empfohlen 

Humans of Philosophy

Bibliothek

Bisher habe ich an dieser Stelle vom Philosophiestudium aus meiner Sicht berichtet, als Bachelorstudentin an der Universität Bern. Diese Einseitigkeit soll ein Ende haben: Lest, was andere über das Philosophiestudium zu sagen haben und seht, wie vielseitig die Interessen und Erfahrungen von Philosophiestudierenden sind!

 

Rafaela, Bachelor im ersten Semester, Uni Fribourg

Warum Philosophie?

Ich habe Freude am abstrakten Denken, lese und schreibe gerne und interessiere mich für grundlegende Fragen. Zudem ist Philosophie sehr vielfältig und deckt somit ein breites Interessenfeld ab, was mir ebenfalls entgegen kommt. Ich erhoffe mir vom Studium, dass ich lerne zu denken.

Du bist im ersten Semester. Was am Studium ist so, wie du es erwartet oder aus der Schule gekannt hast, was nicht? Irgendwelche Überraschungen oder genau so, wie du dachtest?

Das Studium entspricht relativ genau meinen Vorstellungen, ich habe aber auch bereits während der Gymnasiumszeit einige Vorlesungen besucht, um mir ein Bild zu machen. Das einzige, was ganz anders ist als erwartet, ist, dass man keinen Überblick über die Philosophie erhält, sondern sich von Beginn weg mit sehr spezifischen Themen auseinandersetzt.

Was war bisher die grösste Herausforderung?

Die grösste Herausforderung war für mich die Erledigung der ganzen administrativen Komponenten. Von der Wohnungssuche über die Online-Account-Einstellungen bis hin zum Erstellen des Stundenplans. Da ich an zwei verschiedenen Unis studiere, hat sich die gesamte Prozedur noch zusätzlich verkompliziert.

Was für Fächer belegst du so? Sind viele obligatorische Fächer dabei oder eher fakultative?

Obligatorische Fächer gibt es in Fribourg nur zwei: "Textanalyse" und "Formale Logik". Ansonsten besuche ich ein Proseminar in russischer Geschichtsphilosophie sowie eines über Gottesbeweise und ihre Widerlegungen. Dazu kommen weiter eine Vorlesung in politischer Philosophie und eine Einführung in die Wissenschaftsphilosophie.

Hast du schon ein Thema gefunden, das dir besonders gefällt?

Ein spezifisches Thema, das sich von den anderen klar abhebt, habe ich bis jetzt keines gefunden. Bislang ist es mehr ein begeistertes Erforschen in alle möglichen Richtungen.

 

 Ich erhoffe mir vom Studium, dass ich lerne zu denken.

 

Marina, Bachelor, Auslandssemester in Dublin

Warum Philosophie?

Aus verschiedenen Gründen. Ich habe mich immer schon für die fundamentalsten aller Intuitionen interessiert. Als Kind spielt man manchmal dieses Spiel in dem man immer wieder “Wieso” fragt, bis die Frage so fundamental ist, dass die Antwort überhaupt nicht mehr klar scheint. An diesem Punkt setze ich gern ein. Zusätzlich diskutiere ich gern, denke gern logisch und analytisch und hatte schon früh ein vergleichsweise hohes Interesse an ethischen Fragen.

Gab es zu Beginn deines Studiums einen Aspekt, der ganz anders war, als du erwartet hattest, oder als du es vom Gymnasium kanntest?

Obwohl ich es schon vermutet hatte, ist mir aufgefallen wie sehr akademische Philosophie von “Alltagsphilosophie” abweicht. Ich höre häufig den Satz “In der Philosophie gibt es ja kein richtig oder falsch” und das stimmt schlichtweg nicht. Natürlich sind es häufig nicht dieselbe Art von Fakten wie in Naturwissenschaften, trotzdem gibt es gute und schlechte Argumente und teilweise auch schlichtweg Fehlschlüsse. Diese gilt es in der Philosophie genauso zu entdecken wie in anderen Disziplinen.

Du bist im Austauschsemester. Wo liegen die Unterschiede zwischen deiner Gastuni und deiner Heimatuni? Was gefällt dir besser, was weniger gut?

Die Unterschiede sind nicht ganz so gross wie man vielleicht denken könnte. Der Philosophiealltag ist recht ähnlich - halt einfach mit anderen Leuten. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Schweiz und Irland recht ähnlich sind was gewisse soziale Normen angeht. So ist es beispielsweise in beiden Ländern tendenziell eher die Norm, nicht all zu aktiv an Diskussionen teilzunehmen. Ein Freund von mir hier in Irland hat zu mir gesagt: “Irish people want to be seen not heard”. In der Schweiz erlebe ich das mehrheitlich ähnlich. Inhaltlich ist die UCD (University College Dublin) halt noch stärker an der Literatur des englischsprachigen Raumes interessiert. Bspw. (philosophischer) Pragmatismus oder starke konsequentialistische Tendenzen sind hier eher zu finden als in Bern.

Wie sieht in Dublin ein typischer Tag im Semester aus? Womit verbringst du die meiste Zeit?

Unter der Woche bin ich hier ständig mit der Uni beschäftigt. Ich wohne hier ganz klassisch auf dem Campus und bin somit ständig von der Akademie umgeben. Das erhöht meine Arbeitsmotivation ziemlich. Wenn ich sehr motiviert bin arbeite ich auch am Wochenende, aber häufig gehe ich dann auf Entdeckungstouren in Dublin und Irland. Grundsätzlich habe ich hier aber mehr Fokus auf meine Arbeit weil ich weniger starke soziale Verpflichtungen habe. In Bern ist diese Woche/Wochenend Trennung weniger stark, da ich meine (sehr guten) Freunde im Alltag häufig um mich habe. Ich geh zu den Vorlesungen aber dann treffe ich mich mit Freunden oder muss den (mehr oder weniger) langen Weg nach Hause machen und verliere so meinen Fokus auf Uni-bezogene Sachen. Deswegen arbeite ich auch viel am Wochenende etwas nach.

Hast du ein Lieblingsthema in der Philosophie? Oder woran arbeitest du gerade?

Ich habe generell ein starkes persönliches Interesse an praktischer Philosophie. Praktische Philosophie beschäftigt sich im Gegensatz zur theoretischen Philosophie mit ethischen, politischen oder teilweise auch ökonomischen Fragen vom Standpunkt der Philosophie. Also alles stark praxisbezogene Fragen. Momentan bin ich dabei die Grundrisse meiner Bachelorarbeit zu entwerfen. Kurz gefasst soll es darum gehen die Fairnessprinzipien zu untersuchen die gewissen Mechanismen im Gesundheitssystem zugrunde liegen. Beispielsweise, ob die gegenwärtige Art und Weise wie Organe verteilt werden konsistent und ethisch gerechtfertigt ist.

Hast du irgendwelche kurz- oder langfristigen Zukunftspläne, von denen du erzählen möchtest?

Momentan muss ich mich damit beschäftigen wie es nach dem Bachelor weitergehen soll. Langfristig möchte ich wahrscheinlich in Philosophie doktorieren, doch das ist es ein langer, anstrengender und sehr kompetitiver Prozess. Wahrscheinlich werde ich nach dem Bachelor eine Weile arbeiten und mich auf gute Masterprogramme bewerben. Ich hoffe, dass mir durch ein wenig mehr Zeit in der Akademie auch klarer wird ob ich weitermachen möchte. Ultimativ sehe ich mich in einer beruflichen Position, die fächerübergreifende Probleme lösen muss. Wie das genau aussieht weiss ich aber noch nicht.

 

 Ich höre häufig den Satz "In der Philosophie gibt es ja kein richtig oder falsch" und das stimmt schlichtweg nicht.

 

Jonas, Master, ETH Zürich

Warum Philosophie?

Die Philosophie als eine Wissenschaft die sich mit Wissenschaften auseinandersetzt, hatte früh einen Reiz für mich. Warum dürfen wir glauben, was wir glauben? Gibt es einen Grund anzunehmen, dass die Welt ist, wie sie ist? Philosophie war aber für mich auch immer ein Spiel, wo ich mich mit anderen Philosoph*innen messen konnte und genau das Verspielte, das die Philosophie haben kann, war ein Teil ihre Reizes.  

Auch wenn du im Bachelor noch nicht Philo gemacht  hast - wie siehst du allgemein die Unterschiede zwischen Bachelor und Master?

Der Unterschied ist für mich eher durch den Wechsel der Hochschule bedingt, als durch die Stufe Bachelor/Master. Ich konnte in Bern bereits sehr fokussiert Wissenschaftsphilosophie studieren. An der ETH in Zürich ist das immer noch möglich, jedoch scheinen mir die dortigen Professuren einen etwas pragmatischeren Zugang zu verschiedenen Fragen zu haben. Weiter gibt es an der ETH viel mehr Freiräume seine eigenen Projekte zu verfolgen, als ich dies von anderen Studierenden höre. Umgekehrt habe ich es durch die geringe Grösse des Instituts an der ETH den regelmässigen Austausch mit anderen Studierenden vermisst.

Wie sieht ein typischer Tag im Semester aus?

Im Moment stehe ich früh auf und arbeite je nach Tagesform 8-12 Stunden an meiner Masterarbeit. Dies ist weitgehend selbständig und ist eine Mischung aus Diskussionen/Lesen/Schreiben und Zeichnen. Neben der Masterarbeit investiere ich viel Zeit in meine Vorstandsarbeit bei reatch, wo es zum Glück viele thematische Überschneidungen zu meiner Masterarbeit gibt.

Hast du ein Lieblingsthema in der Philosophie? Oder woran arbeitest du gerade?

Mich fasziniert die Schnittstelle zwischen Erkenntnis und Moral. Ein gutes Beispiel ist hier das Lügen. Wenn wir jemand anlügen haben wir wenigstens zwei Probleme. Ein Problem das wir in der Erkenntnistheorie untersuchen können, nämlich das ein Subjekt etwas nicht-wahres glaubt. Ein moralisches Problem, ob jemand das Recht hat die Wahrheit zu erfahren.

Meine Masterarbeit befindet sich an dieser Schnittstelle und beschäftigt sich unter anderem mit der Problematik der Impfgegner und die dortigen moralischen und erkenntnistheoretischen Problemen.

Hast du irgendwelche kurz- oder langfristigen Zukunftspläne, von denen du erzählen möchtest?

Kurzfristig möchte ich meine Masterarbeit zu Ende bringen und die Möglichkeiten zu einem Doktorat erkunden. Langfristig möchte ich weiterhin bei reatch arbeiten und meine diversen kleinen und grossen Literaturprojekte umsetzen. Zum Beispiel sind wir gerade dabei, Autor*innen auf dem Regenbogen eine Plattform für ihre Erfahrungen zu bieten. Ich werde aber nicht in der Philosophie bleiben. Nach dem Doktorat werde ich mich wohl andersartig orientieren.

 

Stéphanie, Bachelor, Uni Genf

Warum Philosophie?

Ich hatte einen Plan A, aber als daraus nichts wurde, habe ich einfach mal angefangen, das zu studieren, woran ich in der Schule am meisten Freude hatte: Philosophie.

Gab es zu Beginn deines Studiums einen Aspekt, der ganz anders war, als du erwartet hattest, oder als du es aus der Schule kanntest?

Das klingt jetzt ziemlich eingebildet aber... ich war immer die beste Schülerin in Philosophie und mein Ego hat anfangs etwas darunter gelitten, dass ich mich an der Uni auf einmal eher im Durchschnitt bewegte. Ich hatte es einfach nicht erwartet, weiss auch nicht warum. Aber ich verstehe nicht mehr, warum es mich störte. Schliesslich war ich umgeben von Leuten, die meine Interessen teilen, und das ist cool.

Wie sieht ein typischer Tag im Semester aus?

Procrastination... Nein, das Semester ist zu kurz dafür. In der Mitte des Semesters fängt es echt an, stressig zu werden und ich muss planen, wann ich was mache. Aber dann wird es auch erst richtig spannend, weil man den Stoff reflektieren muss, um Essaythemen zu finden.

Womit verbringst du die meiste Zeit?

Lesen. Ich habe alle die Artikel, die ich lesen muss, auf meinem iPad, und wenn ich Essays schreiben muss, verbringe ich oft den ganzen Tag damit, zu lesen. Dann fällt mir plötzlich auf: Wow, ich habe soeben 150 Seiten gelesen, aber weil ich meist Artikel lese und nicht Bücher, zähle ich die Seiten nicht und es fällt mir nicht auf, wie viel das eigentlich ist.

Hast du ein Lieblingsthema in der Philosophie? Oder woran arbeitest du gerade?

Ich habe keine Ahnung welches Thema ich am liebsten mag, ich... ich mag alles! Es gibt in jedem Kurs etwas, das mir gefällt. Oft sind es aber Aspekte, die zumindest am Rande etwas mit Ethik zu tun haben.

Hast du irgendwelche kurz- oder langfristigen Zukunftspläne, von denen du erzählen möchtest?

Zu doktorieren wäre wirklich cool! Oder auch Gymnasiallehrerin zu werden. Wer weiss, vielleicht kann ich ja beides machen.

 

Marco, Fachschaftspräsident, Uni Bern

Warum Philosophie?

Ich hatte im Ergänzungsfach Philosophie. Das gefiel mir so gut, dass ich mich dazu entschloss, Anglistik mit Philosophie im Minor zu studieren. Nach ein paar Kursen, die mich begeisterten, wechselte ich dann auf Philosophie im Major. Sowas hat mich irgendwie schon immer interessiert, ich war ein nerviges Kind, welches nie aufhört, Fragen zu stellen.

In welcher Phase deines Studiums befindest du dich gerade?

Ich bin am Ende des Bachelors, aber auch im Master, denn man kann unter gewissen Umständen Leistungen aus dem Master vorziehen und bereits Kurse für den Master besuchen, wenn man mit dem Bachelor noch nicht ganz fertig ist.

Hast du ein Lieblingsthema in der Philosophie? Oder woran arbeitest du gerade?

Am meisten interessieren mich Logik, Erkenntnislehre, Metaphysik und die wissenschaftliche Denkweise der griechischen Antike. Im Moment befasse ich mich mit Logik und Dialektik, mit der Gültigkeit von Argumenten und der Art und Weise, wie man miteinander diskutiert.

Du Präsident der Fachschaft Philosophie. Was genau machst du in der Position? Was ist die Fachschaft?

Die Fachschaft ist die Gesamtheit der Studierenden eines Faches an der Uni. Alle, die Philosophie studieren, sind Teil der Fachschaft. Ich bin dazu noch im Vorstand, und bin dessen Präsident. Der Vorstand vertritt die Interessen der Studierenden gegenüber dem Philosophieinstitut aber auch gegenüber der Universität und den anderen Fachschaften. Wir beteiligen uns an der Unipolitik. Es geht aber auch darum, dass es ein Campusleben gibt, wir organisieren gemeinsame Mittagessen, Diskussionsrunden oder Ausflüge. Auch Perspektiven aufzuzueigen ist uns wichtig. Für die Veranstaltung "Philo - Was nun?" haben wir ehemalige Philosophiestudent*innen eingeladen, um von ihrer Laufbahn zu erzählen. In der Privatwirtschaft gibt es den Beruf "Philosoph" nicht, aber das heisst nicht, dass das Studium nichts bringt. Meine Aufgabe als Präsident ist es, den Überblick zu behalten, die Sitzungen zu organisieren und die Kommunikation zwischen den Dozierenden und den Studierenden aufrecht zu erhalten. An den Fachschaftskonferenzen - da treffen sich Vertretungen aller Fachschaften der Universität - bin ich ebenfalls dabei.

Hast du irgendwelche kurz- oder langfristigen Zukunftspläne, von denen du erzählen möchtest?

Kurzfristig wird es Zeit, den Bachelor abzuschliessen. Ich möchte längerfristig immer am Puls der Wissenschaft bleiben, das heisst, die Arbeit bei einem Wissenschaftsmagazin wäre sicher interessant, oder vielleicht die Öffentlichkeitsarbeit bei einer NGO. Im Moment möchte ich mich noch auf keine Aussage festlegen, aber ich habe Pläne.

 

In der Privatwirtschaft gibt es den Beruf "Philosoph" nicht, aber das heisst nicht, dass das Studium nichts bringt.

Botanik - (unerwartet) spannend

Ähnliche Beiträge

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Bereits registriert? Hier einloggen
Gäste
Mittwoch, 14. November 2018
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen